Puh, heut war das ein aufregender Ausritt bzw. Spaziergang. Knapp sind Billy und ich an der Grenze zum roten Teil unserer Comfort-Zone entlanggeschrammt ...
Obwohl Billy beim "Pre-Ausritt-Check" im Viereck wie immer gelassen war, war er, kaum hatten wir den Stall verlassen, ungewohnt schreckhaft und aufgekratzt. Das geht schon eine ganze Weile so, ich weiß nicht woran es liegt.
Als erstes brachte ihn ein Reh und raschelndes Gebüsch noch gleich beim Stall (wo wir uns nun wirklich beide sehr sicher fühlen) zu drei plötzlichen Seitwärts-Galoppsprüngen; nicht weiter schlimm, trotzdem seltsam. Ein paarmal zuckte er auch im Wald zusammen bei Dingen, bei denen er normalerweise kein Ohrwaschl rührt.
Wir näherten uns dem Ende des "stillen blauen Sees", also dem Zentrum, wo wir uns sicher fühlen - ich versuche gerade, die Grenzen hier zu erweitern. Naja, heut war der stille blaue See sogar kleiner als zuletzt. Schon bei einer Wegkreuzung, die ich normalerweise schon in die Comfort-Zone inkludiert habe, musste ich absitzen, weil ichs nicht mehr aushielt: Billy war erstarrt, nur noch völlig blockiert zu einzelnen klemmigen Schritten zu bewegen, Kopf hoch und in die Ferne gestarrt, auf irgendwelche Monster, die er sah, aber ich nicht. Ein Musterbeispiel des erstarrten RBI kurz vor der Explosion. Ich hatte keine Lust, in gestrecktem Galopp nach Hause zu galoppieren, also runter da, und zu Fuß weiter!
Nachdem wir um die Ecke des Weges bogen, sah ich sie auch schon, die Monster: Mindestens 5 braunscheckige große Raubtiere, die mit den großen Eutern ;-). Weit weg auf einer Anhöhe lagen sie im Gras und verdauten das letzte gerissene Pferd, sicherlich ;-). Gut, auf dem gleichen Weg waren die gleichen Monster letzte Woche in gleicher Entfernung, damals konnten wir relativ unspektakulär daran vorüber. Also dachte ich, das machen wir diesmal auch. Allerdings: Don't make assumptions! z.B. dass die Monster diesmal genauso liegenbleiben wie letztes Mal... nein, diesmal haben sie sich erhoben und kamen mit lautem klongklongklong langsam und neugierig auf uns zu und blieben mitten auf unserer Höhe hinter ihrem Zaun stehen - uns trennte nur noch die Straße, auf der einen Seite wir, auf der anderen das Fleckvieh. Billy flippte für einen Introvertierten ziemlich aus, hüpfte am Seil herum und wollte nur noch weg, umdrehen und nach Hause. Ich sah ihn vor meinem geistigen Auge schon wieder mit hinterherwehendem Strick allein die Strecke zurückgaloppieren und versuchte ziemlich panisch (und ganz sicher nicht wie ein souveräner Leader *seufz*) mir seine Aufmerksamkeit wenigstens zum Teil zu sichern, das ist auch gelungen, jedenfalls konnte ich verhindern, dass er umdreht und sich losreißt. Trotzdem waren wir irgendwie "gefangen", denn das doofe Fleckvieh verfolgte uns nun. Ich konnte mich nicht entfernen, ging ich die Straße entlang vorwärts, ging das Fleckvieh in die gleiche Richtung den Zaun entlang. Drehte ich um Richtung heimwärts, verfolgten sie uns eben dorthin. Das Fleckvieh im Rücken zu haben war jedenfalls für Billys Entspannung nicht förderlich. Was sich wie 10 Minuten anfühlten, waren in Wirklichkeit wahrscheinlich nur 30 Sekunden.
Gerade als ich dachte, aus der Situation komm ich jetzt nicht mehr raus, zeigte mir das Billytier, wie er die Aufregung zu bewältigen gedenkt: Übersprungshandlung hastiges Grasrupfen! Entspannt war da zwar mal gar nichts, sondern es war wirklich das hastige, nervöse RBI-Grasrupfen, das ich von ihm in solchen Situationen kenne, aaber Davids Worte vom Kurs hallten in meinem Gedächtnis wider: "Kopfsenken bedeutet zwar an sich noch nicht Entspannung, aber ein Schritt dahin". Ich ließ Billy also das Gras rupfen, das dort zum Glück schön wuchs, während uns die Kühe zusahen. Das dauerte eine ganze Weile und tatsächlich konnte man sehen, dass es ihn mit der Zeit tatsächlich entspannte, zumindest ein bisschen. Bei jedem Geräusch zuckte er zwar immer noch zusammen und war sprungbereit, aber nun zeigte sich auch einmal, dass mein "Friss"-Kommando, das ich installiert habe (eigentlich um ungewolltes Fressen abzugewöhnen) nicht nur wirklich gut isntalliert zu sein scheint, sondern auch zu was nütze ist - starrte er grad wieder die Kühe an und ich konnte die Explosion kommen spüren, reichte tatsächlich, den Kopf zu senken, auf ein schönes Grasbüschel zu zeigen und "friss!" - und er fraß und entspannte sich wieder ganz wenig.
So standen wir da ziemlich lange und er wurde immer ruhiger. Schließlich dachte ich ich kann es wagen, ein paar Schritte richtung Heimat zu gehen, ohne dass er gleich losspurtet. Tatsächlich ging das ganz gut, er trippelte zwar etwas seitwärts, um die uns verfolgenden Kühe im Blick zu haben, aber jedesmal wenn ich das Gefühl hatte dass er mir langsam entgleitet, konnte ich ihn eindrehen, mit der Nase zum Gras, und er fraß wieder ein bissl. So schafften wir den Weg zurück bis zur "sicheren" Kreuzung, wo uns die Kühe nicht mehr folgen konnten.
Tja, und natürlich konnte ichs nicht lassen, wurde übermütig und hab dann noch mit Annäherung und Rückzug gespielt. Ich überredete Billy Schritt für Schritt wieder zurückzugehen, bis zur Zaungrenze, wo die Kühe nun standen. Er fror wieder ein, ließ sich dann aber meistens doch noch zu 1-2 weiteren Schritten überreden. Und durfte dann fressen, bis er wieder ruhig war. Weitere 2 Schritte, fressen. Wieder zurück, warten, wieder annähern, fressen, annähern, fressen. Kontrollierter Rückzug, wieder Annäherung und so weiter. Es wurde besser und besser, bis ich beschloss es gut sein zu lassen, an der Kreuzung wieder aufstieg und ohne weitere Vorkommnisse heim ritt.
Bin froh dass wir die Situation so gut händeln konnten ... das Kuhproblem schränkt mich schon sehr ein - diese Monster lauern einfach bei uns an jeder Ecke. Ein Ausritt ganz ohne Kuhbegegnung ist quasi nur auf unserm Grundstück möglich...
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